Geschichten einer Sommernacht


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Daniela Huch-Focks:

Augenblick
"Augenblick, bitte."
Höre ich eine unbekannte Stimme im vorübergehen sagen.
Ich schaue mich um. Außer mir ist niemand zu sehen.
Habe ich vielleicht beim Gehen etwas verloren?
Ich drehe meinen Kopf herum und spüre förmlich wie mir gleichzeitig mein gesamtes Blut in den Kopf zu rauschen scheint.
Augenblick, bitte. Augenblick, bitte` hämmert mir mein Puls in die Ohren.
Aus dem einen Augenblick werden zwei, drei.
Wortlos.
Ich habe das Gefühl, als starre ich ihn seit einer Ewigkeit an.
Doch er wendet sich nicht ab. Hält meinem Blick stand.
Ich will ihn fesseln, versuche zu lächeln. Gequält, verunsichert ziehe ich meine Mundwinkel nach oben.
Den einen mehr als den anderen. Meine Augen lächeln nicht mit. Sie sind beschäftigt.
Taxieren jeden Millimeter meines Gegenübers und speichern es ab.
Ich drehe den Rest meines Körpers unter meinen Kopf. Fühle mich ungelenk. Unfähig mich normal, ganz zu schweigen von anmutig, zu bewegen.
Meine Wangen fühlen sich nach wie vor an, als säße ich neben einem Kamin der lodert und lodert.
Kann meinen Blick nicht von ihm wenden. Haben wir schon gezwinkert?
Jetzt!
Mein Blick versucht sich erneut in seinem zu verfangen. Eine Art Suchspiel.
Außerstande irgendwelche Bewegungen auszuführen, da sich das Blut in meinem Kopf befindet.
"Entschuldigen sie, dass ist normal nicht meine Art."
Er lächelt. Äußerst entspannt.
Na klar, er ist im Vorteil, hatte mich vorhin schon beobachtet.
"Schon in Ordnung."
Schon in Ordnung? Schon in Ordnung?
Umdrehen, weglaufen.
Wie peinlich ist das?
Schon in Ordnung!
Ich habe Wackelpudding im Kopf und Blei auf der Zunge. Werde mich noch um Kopf und Kragen reden.
Wie ist noch mal mein Name, Alter, Adresse, Beruf?
"Vincent" und hält mir seine Hand hin.
Meine Augen wandern hinunter zu seiner Hand. Lassen mich vergessen zu erwidern.
"Vincent. Vincent Goldstein" wiederholt er.
"Ähm, sehr erfreut. Miriam."
Jetzt kann ich lächeln.
Spüre schnell nach, ob meine Hand zu klebrig ist. Streiche sie unauffällig an meiner Hose ab.
Dann ergreife ich seine und wünschte mir Atomkleber in unseren Innenflächen.
Er erwidert mein Lächeln und verstärkt den Druck.
Eine Millionen Gedanken schießen mir durch den Kopf.
Beginne zu genießen. Seine bloße Anwesenheit vermittelt mir Ruhe.
Nirgendwo möchte ich jetzt sein. Nur hier. Bei ihm.
Scheinbar wollen wir beide nichts auf` Spiel setzen.
Sprachlos stehen wir voreinander.
Lösen langsam den Händedruck. Er steckt seine lässig in die Hosentasche.
Ich spiele mit meinem Ring.
Die Blicke leicht gesenkt.
Bin wieder mein und mir wird klar, dieser Moment ist wichtig für mein Leben.
Nun bin ich bereit alles einzusetzen.
Noch nie probiert, oft gehört. Werde es tun.
"wie wäre` s mit einer… "
Klingeling, klingeling.
Erschrocken erwachen wir aus unserer Sphäre. Schauen zu dem Fahrradfahrer.
"Seht zu. Kommt von der Straße. Die Ampel hat lang umgeschaltet!"
Natürlich, wir stehen mitten auf der Kreuzung..
Gehetzt eile ich hinüber. Rausgerissen aus einer endloslangen, kurzen Begegnung.
Erst als ich den Bürgersteig erreiche, bleibe ich stehen.
Blicke herum.
Menschen die auf die nächste Grünphase warten umgeben mich.
Ich bin allein unter Menschen.
Wo ist er. Fühle mich fast schon einsam.
Das kann nicht sein.
Das darf nicht sein.
Kann mich nicht weiter umdrehen.
Was, wenn er weitergegangen ist. Ich nur noch einen Blick aus der Ferne werfen kann.
Die wohlige Wärme schwindet.
Ich würde mein Leben lang alles an diesem Moment auf der Straße messen.
Als die Liebe zu mir kam.
Ich werde es noch einmal wagen. Einen weiteren Augenblick für mich und mein Leben.
Wende meinen Kopf.
Menschen die auf diese Straßenseite möchten warten.
Und da ist Vincent. Er lächelt herüber.
Die Knochen in meinen Knien werden erneut zu Gummi, in mir flattert alles, wärmt mich.
Mein Lächeln ist fast ein Lachen.
Warum war er mir nicht schon vorher an der Ampel aufgefallen?
Ich war so mit gar nichts beschäftigt, wäre an ihm vorbeigelaufen.
Unsere Blicke treffen sich, gehen nach oben zu den Ampelmännchen.
Der Tross setzt sich in Bewegung.

© Daniela Huch-Focks


Pia Scharf:

Sommernacht
Alles geschah in einer heißen Sommernacht.
Die Kerze auf dem festlich gedeckten Tisch tauchte den Raum in ein romantisches, warmes Licht. Mit Rosenblättern hatte er den Boden bedeckt.
Überall rote Rosenblätter, dicht an dicht, wie ein Teppich.

Ein blutroter Teppich.
Eine weiße Rose stand in der Vase neben ihrem Teller. Gestern noch schien es noch als würde sie nie verwelken.
Heute war all ihre Schönheit vergangen.

Er saß an seinem Platz. Wartete darauf, die Tür aufschließen zu hören. Schloss die Augen und stellte sich vor, wie sie ihre Lippen zart und sanft auf die seinen legte. „Ich bin da“, hörte er sie sagen. Ihre Hand strich ihm liebevoll über die Wange. Beruhigend.

Er riss die Augen auf.
Nein! Sie war nicht da. Die Realität holte ihn ein.
Sie würde nie mehr wiederkehren.

Er sah an sich herab. Schwarzer Smoking, teure Schuhe. Die rote Krawatte die ihr so gefallen hatte, hatte er sorgfältig gebunden. Sie war genau das Richtige zu diesem Anlass. So würde er ihr gefallen....
Er holte ein Schächtelchen hervor. Legte es auf ihren leeren Teller. Schenkte ihr Rotwein ein.
Roten Wein, den sie niemals trinken werden würde.
Sie war gegangen.

Er schluckte eine Tablette nach der anderen. Spülte kräftig nach, mit dem Wein aus seinem Glas. Ein müdes Lächeln überkam sein Gesicht.
Seine Augen, gefüllt mit tiefem Schmerz. Sein einziges Verlangen war bei ihr zu sein.

Und dann fing er an zu lachen. Lauthals.
Wie ein Irrer. Aus lauter Verzweiflung.
Und aus Angst.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte noch ein letztes Mal auf die weiße Rose.
Dann war er bereit. Bereit zu gehen-
Bereit ihr zu folgen.

Irgendwann erlosch die Kerze.

Es war eine heiße Sommernacht, in der zwei aufgescheuchte, schneeweiße Tauben aus dem Gebüsch gen Himmel flogen.

© Pia Scharf